Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage
Irina Scherbakowas Dankesrede
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
liebe Julija Nawalnaja!
Ich möchte mich für diese große Ehre bedanken – für die Auszeichnung mit dem Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage.
Gleichzeitig empfinde ich dabei ein Gefühl der Befangenheit. Denn es gibt so viele Menschen, die wirkliche, existenzielle Beispiele von Zivilcourage geben – selbst angesichts des Todes.
Das eindrucksvollste Symbol von Zivilcourage und Widerstand gegen das Putin-Regime war Alexej Nawalny.
Es sind Menschen, die heute in Russland in Gefängnissen sitzen, weil sie gegen die Verbrechen des Putin-Regimes protestiert haben. Es sind ihre Anwälte, die politische Gefangene verteidigen und deshalb selbst zu Opfern des Unrechts werden. Es sind unsere Kollegen, und Freunde, die unter schwierigsten Bedingungen die Arbeit von Memorial fortsetzen und weiterhin Informationen über die Verbrechen des Putin-Regimes sammeln.
Aber wenn wir heute über Mut sprechen, dann denke ich an die Tausenden von Protestierenden, die dem iranischen Regime widerstehen, die unter Kugeln auf die Straße gingen und dafür mit ihrem Leben bezahlten.
«Vor allem aber denke ich an den unglaublichen Mut und die Standhaftigkeit der ukrainischen Bürger, die sich seit vier Jahren der russischen Aggression widersetzen – an der Front wie im Hinterland, trotz Kälte, Frost und der Dunkelheit, in die russische Raketen ukrainische Städte stürzen. Und ich möchte heute diese Gelegenheit nutzen, um Sie alle aufzurufen, der Ukraine zu helfen. »
Irina Scherbakowa
Geld für den Kauf von Generatoren zu sammeln, erscheint mir heute als eine der dringendsten Aufgaben.
Ich selbst bin Historikerin und habe bei Memorial Projekte zur Geschichte politischer Repressionen geleitet. Daraus ergibt sich eine berechtigte Frage:
Wie können Historiker einer Diktatur entgegentreten?
Oft werden Hegels Worte zitiert, dass die Völker keine Lehren aus der Geschichte ziehen. Man könnte jedoch die Worte eines russischen Historikers des 19. Jahrhunderts hinzufügen:
Ja, die Geschichte ist keine Lehrmeisterin, aber sie ist eine strenge Aufseherin – und sie bestraft gnadenlos für nicht gelernte Lektionen.
Genau darin sehen wir bei MEMORIAL unsere Aufgabe: davor zu warnen, wohin nicht gelernte Lektionen führen können. Faktisch seit Putins Machtantritt haben wir darauf hingewiesen, wohin Manipulation, Lüge und die bewusste Verzerrung der Geschichte – vor allem der Geschichte des Zweiten Weltkriegs – das Putin-Regime führen würden. Denn anstatt eine Mahnung zum Frieden zu sein, wurde diese Geschichte instrumentalisiert, um imperialen Nationalismus, Militarismus und die Bereitschaft zur militärischen Aggression zu schüren.
Das war eine propagandistische Vorbereitung – zunächst für die Annexion der Krim, dann für den entfesselten Krieg im Donbas. Und der im Februar 2022 begonnene Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert inzwischen länger als der sogenannte Große Vaterländische Krieg.
Dieser Krieg, den Putin als Fortsetzung des Kampfes gegen den Nationalsozialismus ausgibt, ist einer der beschämendsten und unmenschlichsten Kriege in der russischen Geschichte. Und ich bin überzeugt: Ohne das Eingeständnis von Schuld und Verantwortung für dieses Verbrechen wird Russland keinen Weg zu Freiheit und Demokratie finden. Denn viele hoffen, dass, wenn dieser Krieg endet, wird einfach alles vorbei sein, und dass man sich mit nichts auseinandersetzen muss.
An dieser Stelle möchte ich zur Lebensgeschichte von General Ludwig Beck zurückkehren, nach dem dieser Preis benannt ist. Sie ist in diesem Zusammenhang sehr lehrreich – und erschreckend aktuell, gerade im Hinblick auf Krieg, Schuld und Verantwortung.
General Beck hegte zunächst Illusionen über eine Erneuerung Deutschlands, die Hitler versprach. Doch als er erkannte, dass dieser Weg das Land in die Katastrophe führen würde, fand er den Mut, sein Amt niederzulegen und später zu einer der zentralen Figuren des Widerstands gegen Hitler zu werden. Dafür bezahlte er mit seinem Leben.
Doch es gelang nicht mehr, Hitlers Verbrechen zu verhindern und den Krieg aufzuhalten – dafür war es bereits zu spät. Und das ist eine äußerst wichtige Lehre.
Wenn wir heute über das Streben nach Frieden in Europa und über Deutschland sprechen, dann appelliere ich an die Entschlossenheit europäischer und deutscher Politikerinnen und Politiker. Europa steht heute vor enormen Herausforderungen und muss lernen, den Bedrohungen selbst zu begegnen – sowohl der putinschen Bedrohung von außen als auch den Gefahren für die eigene Demokratie durch Populisten von rechts wie von links.
Und ebenso dem zerstörerischen Druck eines völlig unberechenbaren und verantwortungslosen Populisten von jenseits des Atlantiks entgegenzutreten.
Um dem zu widerstehen, braucht es den Mut, sich von alten Vorstellungen und Illusionen zu verabschieden. Und so sehr die Kriegsmüdigkeit unserer Gesellschaft heute von jenen instrumentalisiert wird, die die Ukraine zu einem Frieden um jeden Preis drängen wollen – nur damit alles wieder „wie früher“ wird –, so handelt es sich dabei um gefährliche Manipulationen.
«Der Frieden in Europa wird nicht durch Abrüstung gesichert, sondern durch einen verantwortungsvollen Umgang mit Sicherheit. Einen gerechten Frieden kann man nur erreichen, indem man Entschlossenheit, Stärke und Klarheit demonstriert.»
Irina Scharbakowa
Und so verstehe ich diese Auszeichnung als einen Akt der Solidarität und der Entschlossenheit der deutschen Zivilgesellschaft, sich diesen Herausforderungen zu stellen.
Interviews und Kontakt
Für Interviewanfragen und das Vereinbaren von Hintergrundgesprächen mit unserer Vorsitzenden Irina Scherbakowa, unserer Geschäftsführerin Elena Zhemkova und mit weiteren Expertinnen und Experten stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Auf Anfrage stellen wir Ihnen Bild- und Bewegtbildmaterial bereit. Sie möchten in unseren Presseverteiler aufgenommen werden, oder haben konkrete Anfragen? Kontaktieren Sie uns: