Jahrestage

8. September 1965

Das Ende des Tauwetters – und der Beginn des Widerstands


8. September 1965


Im März 1953 starb Stalin. Kurz вфкфга, das Entsetzen über seine Schreckensherrschaft musste sich erst ein wenig setzen, begann, was später, zum kalten Land passend, Tauwetter genannt wurde. Keine Revolution. Kein Sommer. Die Sowjetunion wurde kein Land der Freiheit. Aber der staatliche Druck auf alles und alle ließ etwas nach. Manches, aber bei weitem nicht alles vorher Unvorstellbare konnte nun getan, gesagt oder geschrieben werden. Das endete abrupt als Stalins direkter Nachfolger Nikita Chruschtschow 1964 gestürzt wurde. Sofort merkte man das wenig. Jedenfalls bis zum Frühherbst des Folgejahres. 


Am 8. September wurde der Schriftsteller Andrej Sinjawski in Moskau an einer Trolleybus-Haltestelle festgenommen. Seinen Freund und Kollegen Juli Daniel griffen sich die KGB-Schergen vier Tage später beim Verlassen des Flughafens Wnukowo. Das alte Spiel Staat gegen Bürger kam zur Neuaufführung. Daniel und Sinjawski wurden, beschuldigt, ihre Werke im Ausland veröffentlicht zu haben. Höhe der Unverschämtheit! Die offizielle Propaganda sah, voraussehbar, „das sowjetische Staats- und Gesellschaftssystem verunglimpft“. Daniels Sünde war die Veröffentlichung von zwei Novellen und zwei Erzählungen unter dem Pseudonym Nikolai Arschak in New York. Bei Sinjawski waren es zwei Novellen und ein Artikel, der, unter dem Pseudonym Abram Terz, den vorgeschriebenen Sozialistischen Realismus kritisierte. Zudem hatte er Daniel geholfen, seine Texte ins Ausland zu schmuggeln.


Das war mit Hilfe der Französin Hélène Peltier geschehen. Sinjawski und sie kannten sich aus ihrer gemeinsamen Studentenzeit an der Moskauer Lomonossow-Universität. Damals, in den 1950ern, hatte das Ministerium für Staatssicherheit (MGB), Vorgänger des KGB, versucht, Sinjawski gegen seine Kommilitonin zu benutzen. Sinjawski warnte Hélène Peltier allerdings nicht nur vor den Absichten der Tschekisten, sondern startete zusammen mit ein riskantes, aber erfolgreiches Spiel. So durchkreuzten sie die Pläne, was die Staatssicherheit nicht vergaß, wie sie nichts zu vergessen und schon gar nicht zu vergeben pflegte.


Seit Stalin hatte es keine Schauprozesse mehr gegeben. Nun fand die neue Führung unter Generalsekretär Leonid Breschnjew, nicht ohne freundliche Aufforderung des KGB, es sei angemessen und an der Zeit, diese nur für sie unterhaltsame Tradition wieder aufzunehmen. Schauprozesse haben viel mit Schauspiel zu tun: Das Drehbuch steht von vornherein fest und damit auch das Finale. Die als „Abweichler und „literarische Wendehälse“ geschmähten Sinjawski und Daniel mussten ins Lager. Immerhin, soweit hatte sich die Sowjetunion doch geändert, stand die Todesstrafe nicht mehr auf dem Programm. 

    «Mir wird vorgehalten: Ihr habt das Volk, das Land, die Regierung mit eurer monströsen Idee von einem „Tag der offenen Morde“ verleumdet. Ich sage Euch: So hätte es sein können, wenn man die Verbrechen aus der Zeit des Personenkultes bedenkt; die waren sehr viel schrecklicher als das, was bei mir oder Sinjawski geschrieben steht.»

    Juli Daniel

    Der Gerichtsprozess fand vom 11. bis zum 14. Februar 1966 statt. Noch etwas hatte sich seit den stalinistischen Schauprozessen geändert: Die Angeklagten weigerten sich, sich schuldig zu bekennen. Offenbar wurde auch weniger gefoltert. Mehr noch: Sie widersprachen (wie nach ihnen in teilweise berühmt gewordenen letzten Worten vor Gericht viele ihrer Nachfolger-Dissidenten). Juli Daniel formulierte das in seinem Schlusswort so: „Mir wird vorgehalten: Ihr habt das Volk, das Land, die Regierung mit eurer monströsen Idee von einem „Tag der offenen Morde“ verleumdet. Ich sage Euch: So hätte es sein können, wenn man die Verbrechen aus der Zeit des Personenkultes bedenkt; die waren sehr viel schrecklicher als das, was bei mir oder Sinjawski geschrieben steht.“ Er wurde zu fünf Jahren Lagerhaft verurteil, Andrej Sinjawski zu sieben.


    Der Prozess gegen Daniel und Sinjawski sollte natürlich vor allem andere Literaten und Publizisten einschüchtern und allen zeigen, dass die Tauwetterzeiten nun wirklich vorbei seien. Dafür wurden auch ausdrücklich „politische“ Paragraphen wieder aus der nur kurz verschlossenen Mottenkiste geholt. Nicht so richtig durchdacht hatten Politbüro und KGB aber wohl einige unerwartete Folgen: Der Prozess markierte nicht nur das Ende des Tauwetters, sondern zugleich auch einen Anfang: den einer konsolidierten Bürgerrechtsbewegung. 


    Als deren Geburtstag kann der 5. Dezember 1965 gelten. An diesem Tag fand im Moskauer Stadtzentrum, auf dem Puschkinplatz, die erste öffentliche, nachstalinistische Demonstration statt. Sie ist, lange vor Gorbatschow, als „Glasnost-Meeting“ in die Geschichte eingegangen. An ihr nahmen überwiegend Moskauer Studentinnen und Studenten teil. Sie hielten zwei Plakate hoch: „Wir fordern Transparenz beim Prozess gegen Sinjawski und Daniel“ und „Achtet die Verfassung, das Grundgesetz der UdSSR!“. 


    Initiiert hatte die Aktion der Mathematiker, Dichter und Philosoph Aleksandr Jessenin-Wolpin. Er kann damit als Erfinder des Tricks gelten, sich der Willkür der Regierung am wirksamsten dadurch entgegenzustellen, indem man von ihr verlangt, die eigenen Gesetze zu befolgen. Das wurde in den kommenden zwei Jahrzehnten zum Mantra der Disidentenbewegung und trug, wie ein langsam, aber stetig wirkendes Gift, sehr viel zum späteren Ende der Sowjetunion bei. Auch die Petitionskampagne, mit der gegen den Prozess protestiert wurde, stützte sich auf den Appell an eine Einhaltung der Gesetze. So wurde sie zur ersten öffentlichen Protestkampagne in der UdSSR gegen politische Repressionen überhaupt.

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