Jahrestage
4. September 1985
Nationalarchiv der Ukraine
Wassyl Stus: Dichter, Dissident, Symbol einer freien Ukraine
4. September 1985
In den Strafzellen des Straflagers Perm-36, hoch im Norden gerade noch diesseits des Urals, war es immer feucht und kalt. Wassyl Stus war ein regelmäßiger, wenn auch unfreiwilliger Gast in diesem besonders unwirtlichen Teil eines ohnehin auf Strafe und Erniedrigung ausgelegten Systems. Zwar wurde der Gulag nach Stalins Tod 1953 formal aufgelöst. Aber die Gulagtechniken von Entwürdigung und Folter lebten im sowjetischen Lagersystem weiter (mehr noch, sie, wahre Überlebenskünstler, bestimmen auch heute noch den russischen Gefangenalltag). In der Nacht vom 3. auf den 4. September 1985 war all das selbst für den Straflagerveteranen Wassyl Stus zuviel. Er starb in kalter Einzelhaft. Angeblich versagte sein Herz. Jedenfalls behaupteten das seine Peiniger aus der sowjetischen Gefängnisverwaltung.
Wassyl Stus starb, weil er gegen die Sowjetunion und für eine unabhängige Ukraine war und das auch immer wieder aussprach. Er galt schon damals als einer der wichtigsten ukrainische Dichter des 20. Jahrhunderts. Mit seinem Tod wurde er zu einem Symbol für eine freie Ukraine. Zu Lebzeiten verlieh er, geboren 1938 im Westen der Ukraine als Sohn eines Bauernpaares, der ukrainischen Dichtung eine ganz neue philosophische Tiefe. Nicht wenige stellen ihn mit Rainer Maria Rilke und Paul Celan auf eine Stufe. Der französische Slawist Georges Nivat, Übersetzer von Stus‘ Gedichten ins Französische, schrieb, Stus habe in seinen Werken „das Höllische, das Groteske mit dem Göttlichen“ verbunden. Wassyl Stus war 1985 unter den Anwärtern auf den Literaturnobelpreis. Doch Tote bekommen keinen Nobelpreis. Das wussten auch die Sowjetherrschenden.
Einem Bauernschicksal entging Wassyl Stus, weil seine Eltern sich Ender der 1930er Jahre der Zwangskollektivierung durch einen Umzug nach Stalino (heute Donezk) im Osten der Ukraine entzogen. Dort absolvierte Stus bis 1954 die Schule und die Pädagogische Hochschule. Anschließend arbeitete er als Ukrainischlehrer. In dieser Zeit wurden seine Gedichte erstmals in einer angesehenen ukrainischen Literaturzeitung veröffentlicht. 1963 war Stus bereits als ein herausragender Vertreter der so genannten „neuen ukrainischen Welle“ bekannt. Es war die Zeit des sogenannten „Tauwetters“ in der Sowjetunion, einer vorsichtigen Liberalisierung unter Nikita Chruschtschow nach dem Tod Stalins, das aber mit Chruschtschows Entmachtung 1964 jäh endete.
«Wer gegen die Tyrannei ist, soll aufstehen!»
Wjatscheslaw Tschornowil
Wie nicht wenige andere wollte sich auch Wassyl Stus nicht einfach so damit abfinden, dass die gerade erst neu erlangten Freiheiten, die auch den Umgang mit der ukrainischen Sprache und der ukrainischen Kultur betrafen, wieder weg sein sollten. Am 4. September 1965 wurde im Kyjiwer Kino Ukrajina der Film Schatten vergessener Ahnen des armenischen, damals in Kyjiw lebenden Regisseurs Sergej Paradschanow uraufgeführt. Bei der anschließenden Diskussion sprach der bekannte Literaturwissenschaftler und Bürgerrechtler Iwan Dsjuba über die Verhaftungen aus den Reihen der ukrainischen Intelligenzija. Der Journalist Wjatscheslaw Tschornowil, eine führende Figur der ukrainischen Dissidentenbewegung, forderte die Anwesenden sogar auf: „Wer gegen die Tyrannei ist, soll aufstehen!“ Stus stand als erster auf.
Schon vorher hatte er Probleme, seine Gedichte und seine Prosa zu veröffentlichen. Nun wollte kein Verlag mehr mit ihm zu tun haben. Doch Stus machte unverdrossen weiter. Er unterzeichnete zahlreiche offene Briefe zur Verteidigung politisch Verfolgter. Mehrfach schrieb er Briefe an die kommunistische Führung der ukrainischen Sowjetrepublik, in denen er gegen die Einschränkung der Meinungsfreiheit und Menschenrechtsverletzungen protestierte. Später fasste das alles in einem Brief an das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR zusammen: „Ich habe eine Demokratisierung empfohlen. Das wurde als Versuch gewertet, die sowjetische Ordnung zu verleumden; meine Liebe zu meinem Volk, meine Sorge wegen des kritischen Zustands der ukrainischen Kultur wurden als Nationalismus eingestuft; meine Ablehnung der Praktiken, die den Nährboden für den Stalinismus, (…) wurden als böswillige Verleumdung aufgefasst“.
So kam es, dass der erste Gedichtband von Wassyl Stus 1970 aus dem Land geschmuggelt und in Belgien gedruckt wurde. Das machte ihn in den Augen des KGB natürlich erst recht verdächtig. Am 12. Januar 1972 wurde Stus wegen, wie damals üblich, „antisowjetischer Propaganda“ verhaftet und zu fünf Jahre Straflager zuzüglich drei Jahre Verbannung verurteilt.
Seine Strafe musste er in Mordwinien verbüßen. In den dortigen Lagern, gar nicht so weit südöstlich von Moskau auf halben Weg an die Wolga, saßen damals zahlreiche politische Gefangene. Das waren, zum großen Bedauern der Sowjetmacht, unruhige Zeitgenossen. Wassyl Stus beteiligte sich rege an ihren häufigen und kreativen Protestaktionen. Am 1. August 1976 legte er aus Protest symbolisch die sowjetische Staatsbürgerschaft ab. Ein Sakrileg. Zur Verbannung schickte man ihn in die berüchtigte Kolyma, so weit im Osten und im Norden wie nur irgend möglich. Dort musste er mit fast bloßen Händen Gold schürfen. Devisen waren in der Sowjetunion immer knapp und billigere und williger gemachte Arbeitskräfte als Gefangene gab es schon damals nicht.
Doch auch in der Kolyma blieb Wassyl Stus in der Welt nicht vergessen. Jedenfalls nicht von vielen Schriftstellerinnen und Dichtern im Westen. Sie nahmen ihn 1978 in den Internationalen PEN-Klub auf. Im August 1979, nach dem Ende der Verbannungszeit, durfte er nach Kyjiw zurückkehren. Dort war gezwungen, als Former in einer Gießerei und am Fließband einer Schuhfabrik zu arbeiten. Sein Dichten wurde nicht als Arbeit anerkannt, da er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen worden war. Und nicht zu arbeiten, sprich, keine Arbeitsstele zu haben, galt in der Sowjetunion als Verbrechen für das man gleich wieder eingesperrt werden konnte. Natürlich schrieb er trotzdem weiter Gedichte. Und natürlich blieb er Bürgerrechtler.
So war es wenig überraschend, dass Wassyl Stus im Mai 1980 erneut verhaftet wurde. Wieder wegen „antisowjetischer Propaganda“. Wieder wegen seiner offenen Briefe. Wieder wegen seiner Gedichte. Nur die Strafe verdoppelte sich. Als „besonders gefährlicher Rückfalltäter“ bekam er diesmal 10 Jahre „verschärfte“ Lagerhaft und 5 Jahren Verbannung. Die sowjetische Justiz liebte runde Zahlen.
Trotz der äußerst harten Bedingungen des „verschärften“ Regimes in den inzwischen eingerichteten Permer Lagern für politische Gefangene (kein Besuch, das erste Jahr in einer Einzelzelle), schaffte es Stus auch dort, immer wieder zu schreiben und auch zu übersetzen. Doch fast alles, was er schrieb, wurde konfisziert. Das Schicksal dieser späten Texte ist bis heute ungeklärt. Nach offiziellen sowjetischen Angaben wurden sie vernichtet, als das Lager 1988 aufgelöst wurde. Nur einige Auszüge aus seinem Lagertagebuch konnte Stus 1983 mit Hilfe seines litauischen Mithäftlings Balys Gajauskas und dessen Frau Irena, aus dem Lager schmuggeln. Sie wurden noch im gleichen Jahr erneut im Ausland, diesmal in München, in der ukrainischen Exilzeitschrift Sutschasnist unter dem Titel Aus dem Lagerheft veröffentlicht.
Die internationale Unterstützung von Wassyl Stus brach nicht ab. 1985 schlug ihn Heinrich Böll für den Literaturnobelbreis vor. Was ihm helfen sollte, bewirkte das Gegenteil. Seine Haftbedingungen wurden verschärft. Wegen Kleinigkeiten wurde er ständig aufs Neue bestraft, ganz wie fast 40 Jahre später in einem nun russischen Lager Alexej Nawalny.
Am 28. August 1985 musste Stus ein weiteres Mal in eine Straf- und Isolationszelle. Angeblich hatte er „tagsüber auf der Pritsche“ gelegen, was (bis heute) streng verboten ist. Aus Protest trat Stus in einen unbefristeten Hungerstreik. Er starb nur einen Monat vor der abschließenden Sitzung des Nobelkomitees. Mit seinem Tod entging die UdSSR-Führung einem Dilemma: Entweder hätte man einen Nobelpreisträger weiter in Haft behalten oder aber einen Dissidenten freilassen müssen.
Der Leichnam von Wassyl Stus wurde seinen Angehörigen nicht aushändigt. Man verbuddelte ihn nur wenige Stunden bevor seine Frau und sein Sohn dort eintrafen demonstrativ auf dem Lagerfriedhof. Die grotesken Gesetze der Sowjetunion erlaubten es, die sterblichen Überreste eines Strafgefangenen erst dann in den Heimatort zu überführen, wenn dessen Haftstrafe abgelaufen wäre. Stus blieb auch nach seinem Tod Gefangener eines unmenschlichen Staates.
Erst im Herbst 1989, als die Perestroika bereits in vollem Gange war, wurden die sterblichen Überreste von Stus und zwei anderen ukrainischen politischen Häftlingen, Oleksy Tychy und Juri Lytwyn, exhumiert, in die Ukraine überführt und am 19. November feierlich in Kyjiw beigesetzt. Die Umbettung geriet zu einer mächtigen Demonstration für die Unabhängigkeit der Ukraine, an der sich Zehntausende beteiligten.
Das Lager Perm-36 war, aufgebaut und betrieben von MEMORIAL, fast zwei Jahrzehnte, von 1995 bis 2013 ein Museum, das die Schrecken des sowjetischen Lagersystems zeigte. Besucher konnten auch die Karzerzelle betreten, in der Wassyl Stus starb. Heute ist MEMORIAL in Russland verboten. Das Lagermuseum erinnert nun an die Wächter anstelle der Gefangenen. Wasyl Stus ist in Russland weitgehend vergessen.
In der Ukraine dagegen ist die Erinnerung an Wassyl Stus fest verwurzelt. Seit 2005 gilt er als „Held der Ukraine“. Am 4. September 2026 brachte die Nationalbank der Ukraine eine neue 2.000 Hrywnja-Banknote mit seinem Portrait in Umlauf. Vor kurzem hat ein Meinungsforschungsinstitut in einer Umfrage eine Liste der herausragendsten Persönlichkeiten der ukrainischen Geschichte ermittelt. Er landete auf dem 12. Platz.
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