Jahrestage
17. September 1939
Sowjetische Kriegsgefangene beseitigen die Spuren des deutschen Massakers in Babi Yar / Johannes Hähle
Das Massaker von Babyn Jar
29. September 1941
Am 29. und 30. September 1941 erschossen deutsche Einsatzgruppen in der Schlucht von Babyn Jar mindestens 33.771 jüdische Einwohner Kyjiws. Die Opfer dieses Massakers waren überwiegend Frauen, Kinder und ältere Männer. Die meisten der jüngeren jüdischen Männer Kyjiws waren gleich nach dem Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 21. Juni in die Rote Armee einberufen worden. Das rettete sie zumindest vor diesem Tod.
Kyjiw war Ende September bereits seit zehn Tagen von den Deutschen besetzt. All diese zehn Tage waren immer wieder Zeitbomben explodiert, die die abrückenden sowjetischen Truppen hatten an vielen Stellen hinterlassen hatten. Das wurde von den Deutschen als durchsichtiger Vorwand von Vergeltungsmaßnahmen“ gegenüber der jüdischen Bevölkerung benutzt. In der ganzen Stadt hängten sie Plakate mit der Anordnung auf, alle Juden der Stadt Kiew und Umgebung hätten sich am Morgen des 29. September mit Dokumenten und Habseligkeiten an einem Ort am nordwestlichen Stadtrand einzufinden. Mit Hilfe von Hauswarten, die in der UdSSR Geheimdienstspitzel waren und nun von den Deutschen übernommen worden waren, verbreitete man, es gehe darum, dass sie an einen sicheren Ort gebracht würden.
Nah der 2,5 Kilometer langen und bis zu 30 Meter tiefen Schlucht Babyn Jar wurden allen Jüdinnen und Juden ihre Habseligkeiten und ihre Kleidung abgenommen. Anschließend wurden sie nackt und in Gruppen zur Schlucht getrieben und dort erschossen. Die Leichen wurden Schicht für Schicht mit Erde zugeschüttet.
«Die genauen Opferzahlen werden sich wohl nie ermitteln lassen, doch wird die Gesamtzahl der Opfer in Babyn Jar auf ungefähr 100.000 geschätzt. »
Das damit begonnene Massaker in Babyn Jar wurde in den folgenden zwei Jahren fortgesetzt. Zu den Opfern gehörten neben Juden und Jüdinnen auch Roma und Sinti, sowjetische Kriegsgefangene und Psychiatrieinsassen. Die genauen Opferzahlen werden sich wohl nie ermitteln lassen, doch wird die Gesamtzahl der Opfer auf ungefähr 100.000 geschätzt.
Im August 1943 versuchten die deutschen Besatzer angesichts der heranrückenden Roten Armee die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen. Häftlingen des nahegelegenen Konzentrationslagers Syrez wurde befohlen, die Massengräber auszuheben und das, was von den Opfern noch übriggeblieben war, zu verbrennen. Weil das nicht ganz gelang und zudem 18 KZ-Häftlinge während dieser Arbeiten fliehen und später den sowjetischen Behörden berichten, konnten, was sie gesehen hatten, konnten die Grausamkeiten später einigermaßen akkurat rekonstruiert werden.
Die Opfer des Massakers von Babyn Jar hatten ganz unterschiedliche Lebensläufe, Berufe und Familiengeschichten. Sie waren nicht dadurch miteinander verbunden, dass sie etwas getan hätten, sondern allein durch ihre Zugehörigkeit zu Bevölkerungsgruppen, die der nationalsozialistischen Ideologie zufolge vernichtet werden sollten.
Nach Kriegsende wurde die Erinnerung an Babyn Jar durch die sowjetische Geschichtspolitik entstellt. Jahrzehntelang kaschierte die sowjetische Führung die ethnische Zugehörigkeit der Opfer von Babyn Jar und damit den wahren Grund für diese Mordtaten. Das erste, 1976 dort errichtete Denkmal sprach verschleiernd von durch die deutschen Besatzer ermordeten Sowjetbürgern. Die Zehntausenden jüdischen Opfer, die ersten, die in Babyn Jar erschossenen wurden, aber auch die Roma und Sinti fanden keine Erwähnung. Erst 1991 zum 50. Jahrestag des Massakers, unmittelbar vor dem Ende der Sowjetunion, wurde bei Babyn Jar ein als Menora gestaltetes Denkmal für die jüdischen Opfer errichtet.
Heute stehen am Ort des Massenmordes verschiedene Denkmäler, die an die Opfergruppen der nationalsozialistischen Besatzung erinnern. Allerdings kann keines dieser Denkmäler die menschlichen Zeugnisse ersetzen, die von dem Geschehen und den persönlichen Schicksalen der Opfer berichten. Schon im Oktober 1988, praktisch zeitgleich mit MEMORIAL, wurde in Kyjiw die Stiftung Erinnerung an Babyn Jar gegründet. Das war eine der ersten zivilgesellschaftlichen Organisationen in der noch nicht unabhängigen Ukraine und damit auch in der Sowjetunion insgesamt. Die Stiftung forscht seither systematisch nach Dokumenten, um die Namen der Opfer zu ermitteln, und dokumentierte Erinnerungen der Überlebenden.
Paul Blobel wiederum, Kommandeur des SS-Sonderkommandos 4a, das vor allem die Morde in Babyn Jar verübte, stand ab 1947 im Einsatzgruppen-Prozess vor Gericht, einem der Nürnberger Nachfolgeprozesse. Er bekannte sich nicht schuldig, sondern versuchte sich, wie viele andere, damit herauszureden, dass er lediglich Befehle ausgeführt habe. Das half ihm nicht. Blobel wurde 1948 schuldig gesprochen, zum Tode verurteilt und am 8. Juni 1951 im US-amerikanischen Kriegsgefangenengefängnis Nr. 1 in Landsberg gehängt.
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