Jahrestage

25. August 1968

Am 25. August 1968 stellten sich acht Personen mit Plakaten mitten auf den Roten Platz in Moskau. Sie taten etwas seinerzeit Unerhörtes, etwas Unglaubliches: Sie protestierten im Herzen der Sowjetunion gegen sowjetische Panzer, die gerade den Prager Frühling zermalmten.


Mit „Prager Frühling“ wurde schnell jene kurze Phase liberaler Reformen betitelt, die im Januar 1968 mit der Wahl von Alexander Dubček zum Chef der Kommunistischen Partei der ČSSR, der sowjetischen Tschechoslowakei einsetzte. Dubček strebte den Aufbau eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ an, also eine Gesellschaft mit politischem und wirtschaftlichem Pluralismus. Die wie überall im sowjetischen Machtbereich übliche Zensur wurde praktisch aufgehoben. Es begann sich ein Mehrparteiensystem zu entwickeln. Das alles wurde in der ganzen Welt höchst aufmerksam verfolgt, auch und besonders in der Sowjetunion. Nicht wenige hegten die Hoffnung auf einen zweiten Atem des kurzen und, wenn auch in Maßen, liberalen „Tauwetters“ unter Chruschtschow, das mit seinem Sturz und der Machtübernahme durch Leonid Breschnjew 1964 jäh zu Ende gegangen war.  


Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes unter Führung der Roten Armee am 21. August begann wurde in der offiziellen sowjetischen Presse (und eine andere gab es nicht) von heftiger Propaganda begleitet: Die militärische Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates erfolge zur „Verteidigung des Sozialismus“ und werde von der Bevölkerung „allgemein gutgeheißen“. 


Das Ziel der Acht vom 25. August war es, eben diese „allgemeine Zustimmung des Volkes“ zu widerlegen. Eine der Protestierenden, die Dichterin Natalja Gorbanewskaja, formulierte es später so: „Die ganze Nation ohne uns ist nicht mehr das ganze Volk. Es war uns zu wenig, das nur zu Hause, in der Küche ‚nicht gutzuheißen‘. Wir mussten das […] öffentlich kundtun.“ Genau zur Mittagszeit entrollten die Acht am Fuß des Lobnoje mesto mitten auf dem Roten Platz mit Blick auf das Erlösertor der Kremlmauer und das Historische Museum, Plakate mit den Parolen „Für eure und unsere Freiheit!“, „Hände weg von der ČSSR!“, „Es lebe eine freie und unabhängige Tschechoslowakei!“, „Schande über die Okkupanten!“ und „Freiheit für Dubček!“. Es dauerte keine fünf Minuten, bis Mitarbeiter des KGB in Zivil hektisch über den Roten Platz liefen, den Demonstrierenden die Plakate entrissen und sie zusammenknüllten und die Demonstrantinnen und Demonstranten heftig verprügelten. Wiktor Fajnberg verlor durch Stiefeltritte seine Vorderzähne. Danach wurden sie in Autos gezerrt und auf unterschiedliche Milizwachen gebracht.


Zwei von ihnen, Tatjana Bajewa und Natalja Gorbanewskaja, wurden bald wieder freigelassen. Natalja Gorbanewskaja rettete wohl, dass sie ihren Säugling im Kinderwagen dabei hatte. Sie hatte keinen Babysitter gefunden. Die 20-jährige Tatjana Bajewa, Studentin am zufällig nahegelegenen Institut für Geschichte und Archivwesen, wurde von den Älteren überredet zu behaupten, sie habe gar nicht an der Demonstration teilgenommen, sondern sei nur zufällig auf dem Platz gewesen. Komischerweise glaubte man ihr.


Wiktor Fajnberg und Natalja Gorbanewskaja entgingen einem Gerichtsverfahren. Dafür wurden sie für unzurechnungsfähig erklärt. Wiktor Fajnberg wurde zur Zwangsbehandlung in eine Leningrader Spezialpsychiatrie eingewiesen. Später, im Exil, widmete Fajnberg sein ganzes Leben dem Kampf gegen die Strafpsychiatrie in der UdSSR. Natalja Gorbanewskaja wurde anfangs der Vormundschaft ihrer Mutter unterstellt, um dann nach anderthalb Jahren dennoch verhaftet und zu psychiatrischer Zwangsbehandlung verurteilt zu werden.


Alle übrigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Konstantin Babizki, Larissa Bogoras, Wadim Delone, Wladimir Dremljuga und Pawel Litwinow, blieben in Haft und wurden nach zwei Paragrafen des Strafgesetzbuches der RSFSR wegen „Verbreitung verleumderischer Unwahrheiten, die die sowjetische Gesellschafts- und Staatsordnung verunglimpfen“ und „gemeinschaftliche Handlungen, die grob die öffentliche Ordnung stören,“ angeklagt. 


Der Prozess fand vom 9. bis 11. Oktober 1968 wie üblich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. In den extra klein gewählten Saal des Gerichts am Rande der Moskauer Innenstadt wurden nur vom KGB handverlesene „Parteigenossen“ reingelassen. Babizki, Bogoras und Litwinow wurden zu drei, vier bzw. fünf Jahren Verbannung verurteilt, Dremljuga zu drei Jahren Straflager, Delone zu zweieinhalb Jahren.



    «Halb Moskau redete einige Zeit von der ‚Sinnlosigkeit, Nutzlosigkeit‘ der Demonstration, ja nicht mal die halbe Stadt, sondern jener ‚linke, liberale, radikale‘ Teil, ich weiß nicht, wie ich’s genauer bezeichnen könnte. Also der Teil Moskaus, der mit uns vollkommen einer Meinung war, was den Einmarsch anging.»

    Natalja Gorbanewskaja

    In der sowjetischen Presse wurden Demonstration und Prozess weitgehend totgeschwiegen. Aber in den Moskauer Küchen wurde selbstverständlich alles lebhaft diskutiert. Die ersten Reaktionen waren eher skeptisch, erinnerte sich später Natalja Gorbanewskaja: „Halb Moskau redete einige Zeit von der ‚Sinnlosigkeit, Nutzlosigkeit‘ der Demonstration, ja nicht mal die halbe Stadt, sondern jener ‚linke, liberale, radikale‘ Teil, ich weiß nicht, wie ich’s genauer bezeichnen könnte. Also der Teil Moskaus, der mit uns vollkommen einer Meinung war, was den Einmarsch anging.“


    Das änderte sich schnell, nachdem schon Ende September ein Brief des Literaturwissenschaftlers Anatolij Jakobson im Samisdat-Untergrund kursierte. Jakobson schrieb, dass man „für Auftritte dieser Art nicht die üblichen politischen Maßstäbe anlegen“ dürfe, nach denen jede Handlung ein unmittelbares, materiell messbares Ergebnis erzielen soll, einen sachlichen Nutzen. Die Demonstration vom 25. August sei nicht „Teil einer politischen (für eine solche fehlen die Bedingungen), sondern einer moralischen Auseinandersetzung.“ Man müsse folglich davon ausgehen, „dass die Wahrheit um der Wahrheit Willen vonnöten ist, und nicht für irgendetwas anderes; dass die Würde des Menschen diesem nicht erlaubt, sich mit dem Bösen abzufinden, selbst wenn er nicht die Macht hat, dieses Böse abzuwenden…“.


    Weltweit und insbesondere in der Tschechoslowakei wurde die Bedeutung der Demonstration von Anfang an sehr hoch eingeschätzt. Die vom tschechoslowakischen Schriftstellerverband herausgegebene Zeitung Literární listy, eine der einflussreichsten Stimmen des Prager Frühlings, prägte folgende Formel: „Sieben Menschen auf dem Roten Platz sind mindestens sieben Gründe, warum wir die Russen niemals werden hassen können.“


    Nach ihrer Freilassung setzten die sieben der Acht vom Roten Platz (die Ausnahme war Wladimir Dremljuga) ihr politisches Engagement für „eure und unsere Freiheit“ fort. Larissa Bogoras zum Bespiel war 1988 eine der Gründerinnen von MEMORIAL. Sie starb 2004. Die bis zu ihrem Tod 2013 weiter im Pariser Exil lebende Natalja Gorbanewskaja arbeitete eng mit MEMORIAL zusammen.

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