Jahrestage
15. September 1974
Foto der Einladung
Planierraupen und Kunst
15. September 1974
Am Anfang stand ein bescheidener Gedanke: Zwei Dutzend avantgardistischer Malerinnen und Maler hatten beschlossen, die erste herbstliche Open-Air-Schau ihrer Werke zu veranstalten. Die offiziellen Ausstellungshäuser hatten ihre Gemälde abgelehnt. Sie entsprachen nicht dem offiziösen Sozialistischen Realismus.
Am Ende standen Bilder von Planierraupen, die die Bilder mit ihren schweren Ketten untergepflügten, und als Arbeiter verkleidete Agenten des KGB, die ihre Schlagstöcke über den Köpfen der Künstlerinnen und Künstler schwangen. So begegneten sich am 15. September 1974 auf einer Brache im Norden des auswuchernden Moskau Kunst und Sowjetmacht. Später sollte diese Begegnung schlicht als Planierraupenausstellung bekannt werden.
An dem Zusammenstoß von moderner Kunst und Planierraupen waren in gewisser Weise beide schuld, die Malerinnen und Maler ebenso wie die Sowjetmacht. Das Vergehen Ersterer war ihre Naivität, zu glauben im Freien ausstellen zu können, nur weil es nicht ausdrücklich verboten war. Die Sowjetmacht war schuld, weil sie wieder einmal die Zeit verschlafen hatte. Wie so häufig davor und auch immer wieder danach. Diese politische Schläfrigkeit führte dann letzten Endes zum jähen Ende der Sowjetmacht.
Aber der Reihe nach. Das kurze Tauwetter im Kunstbereich hatte 1957 mit Ausstellungen westlicher Künstlerinnen und Künstler während der Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Moskau begonnen. Es endete schon im Dezember 1962. Da war Chruschtschow anlässlich einer Ausstellung in der Moskauer Manege direkt an den Kremlmauern mit einer vulgären Tirade über alle hergefahren, die jenseits des offiziösen Sozialistischen Realismus arbeiteten. Wer dort ausgestellt hatte, wurde künftig aus allen größeren Ausstellungsorten verbannt. Selbst Versuche, ihre Werke in bescheidenen Räumlichkeiten zu zeigen, wurden von der Staatssicherheit meist schnell unterbunden.
Allerdings gab es in Bezug auf eine Präsentation von Werken im Freien keine Regeln. So kamen einige Malerinnen und Maler auf die Idee, einfach einen Antrag beim Moskauer Stadtrat für eine Gemäldeschau zu stellen. Als Ort wählten sie eine Brache im noch kaum besiedelten südlichen Moskauer Randbezirk Beljajewo. Zeit: von zwölf bis vierzehn Uhr.
Am Vorabend hatte des 14. September hatten sie einen großen Teil der Bilder gebracht in die Wohnung des Philosophen Wiktor Tupizyn gebracht, der unweit der Brache lebte. Einige der Künstlerinnen und Künstler übernachteten dort gleich. Die übrigen sollten über die Metrostation Beljajewo zum festgelegten Ort kommen. Doch dort erwarteten sie am nächsten Tag bereits Miliz und KGB, um sie unter allerlei Vorwänden aufzuhalten. So wurde zum Beispiel der Maler Oskar Rabin unter dem hanebüchenen Vorwand festgenommen, er sehe jemandem ähnlich, der wegen eines Uhrendiebstahls in der U-Bahn gesucht werde.
Auf der Brache wartete eine große Gruppe von Männern in Bauarbeiterkleidung, deren gewandte Bewegungen sie allerdings sofort als Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden verrieten. Im Hintergrund standen Laster mit Baumsetzlingen und Planierraupen und schwerem Baggergerät. Die Szene sollte wohl die gerechte Wut der Werktätigen im Städtebau darstellen, die bei einem sonntäglichen Subbotnik gestört wurden.
«Erschießen sollte man euch! Aber es wäre schade um die Patronen…»
Sowjetischer Gesetzeshüter
Die Pseudoarbeiter stürzten sich auf die Malerinnen und Maler. Einige hatten noch nicht einmal ihre Werke auspacken können. Die Angreifer zerrissen die Gemälde und prügelten wahllos auf die Anwesenden, darunter auch einige zur Vernissage geladene Journalistinnen und Journalisten ein. Einem Korrespondenten der New York Times wurde mit seiner eigenen Kamera ein Zahn ausgeschlagen. Dann rückten die Bulldozer auf das Schlachtfeld. Oskar Rabin, einer der Organisatoren, wurde von einem der Bulldozer in der Schaufel über das gesamte Ödland geschleppt. Die Festgenommenen wurden auf eine nahegelegene Milizwache gebracht. Einer der sowjetischen Gesetzeshüter bekannte aufrichtig: „Erschießen sollte man euch! Aber es wäre schade um die Patronen …“ Alle erhielten Geldstrafen wegen Störung der öffentlichen Ordnung und wurden zum Abend freigelassen. Alle jedenfalls außer Oskar Rabin, der rund eine Woche in einer Arrestzelle zubrachte.
Die Planierraupenausstellung sorgte in der ausländischen Presse für großes Aufsehen und hatte sogar, wohl nicht zuletzt deshalb, einige positive praktische Folgen. Die Staatsmacht kam zu dem Schluss, durch die Entsendung der Miliz und den Einsatz der Planierraupen nicht nur die bourgeoise Presse im westlichen Ausland gegen die UdSSR aufgebracht zu haben, sondern auch die kommunistischen Parteien im Westen. Deren Solidarität wollte man sich offenbar nicht verscherzen. So erlaubten die Behörden letzten Endes eine Gemäldeausstellung im Ismailowskij-Park im Nordosten Moskaus. Am 29. September wurden dort Werke von rund 50 Malerinnen und Malern gezeigt. Die riesige Zahl ihnen wohl gesonnener Besucherinnen und Besucher machte schnell deutlich, dass viele Menschen in der Sowjetunion im Gegensatz zur Staatsführung durchaus bereit waren, experimentelle Kunst anzunehmen.
Der Erfolg der Vernissage im Ismailowskij-Park markierte den Beginn einer langen Reihe von Ausstellungen, die in Wohnungen oder Ateliers stattfanden. Sämtliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bulldozer-Ausstellung jedoch mussten emigrieren. Sie bezahlten die neuen, kleinen Freiheiten in der Unfreiheit mit dem Verlust ihrer Heimat.
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