Wie kann er immer noch an ein Russland nach Putin glauben?

Alexej Gorinow war einer der Ersten, die gegen den Überfall auf die Ukraine aufstanden, heute ist sogar ein juristisches Werkzeug der russischen Unterdrückung nach ihm benannt. Annäherung an einen Aufrechten. Von Filipp Dzyadko und Alexander Estis


Alexei Gorinow lebt. Schon dies ist eine Nachricht, ja es grenzt an ein Wunder.


Der Jurist und Menschenrechtler ist einer von denen, die von Anfang an offen gegen den Krieg und gegen Putins Regime Widerstand leisten. Dieser Protest führt ins Gefängnis und sogar in den Tod. Putins wichtigster Widersacher, der oppositionelle Politiker Alexei Nawalny, wurde im Gefängnis getötet. Aus Angst und Selbstschutz schweigt die Mehrheit der Regimegegner – oder wandert aus. Und dennoch leisten Menschen in Russland weiterhin Widerstand, Männer und Frauen, Rentner und Kinder, Bauern und Juristen. Manchmal leise, manchmal öffentlich und für alle vernehmbar.


Wir wissen nicht, wie viele Menschen in Russland und Belarus sich gegen Putin und seinen Krieg äußern; öffentliche Statistiken gibt es natürlich nicht. Wir kennen nicht einmal die aktuelle Anzahl politischer Gefangener. Es sind jedenfalls mehrere Tausend, mehr als in der Sowjetunion zur Zeit des Kalten Krieges. Im Laufe der letzten Jahre fanden bei Protestaktionen zig Tausende von Verhaftungen statt.


»Doch für unser Land«, bemerkt Gorinow selbst, »waren die Dimensionen der Proteste natürlich ungenügend. Historisch bedingt hat sich bei uns keine demokratische Tradition entwickelt, durch öffentlichen Protest für die eigenen Rechte einzustehen, sich für den Widerstand gegen Unrecht und Schlechtigkeit zu vereinen.«


Gorinow war der erste Mensch in Russland, der aufgrund seiner Haltung zum Krieg in der Ukraine zu einer unbedingten, tatsächlichen Haftstrafe verurteilt wurde. Schon im März 2022 wurde er verhaftet, weil er es als regionaler Abgeordneter gewagt hatte, der Kriegstoten mit einer Schweigeminute zu Beginn einer öffentlich übertragenen Sitzung zu gedenken.


Auf der Sitzung sollte unter anderem über festliche Veranstaltungen gesprochen werden, über einen Zeichenwettbewerb für Kinder zum Tag des Kinderschutzes sowie über Tanzprogramme zum Tag des Sieges über Nazideutschland. Gorinow fragte in der Sitzung, wie man an solche Veranstaltungen auch nur denken könne, während in der Ukraine täglich Kinder sterben: »Ich glaube, dass jegliche Bemühungen der Zivilgesellschaft jetzt allein darauf gerichtet sein dürfen, den Krieg zu beenden und die russischen Streitkräfte aus dem Gebiet der Ukraine abzuziehen.«


Er stellte sich also der Kriegstreiberei der Regierung entgegen und nannte das, was in der Ukraine geschieht, einen Krieg. Und allein dafür, den Krieg als Krieg zu benennen, werden Menschen in Russland in Lager geschickt. Denn im offiziellen Anderssprech des Präsidenten, des Kremls und der Propaganda heißt der Krieg »Besondere Militäroperation«.


Schon Anfang März 2022, nun eine Woche nach Beginn der Grossinvasion in die Ukraine ist das sogenannte »Gesetz über Fakes« in Kraft getreten. Als Fake wird seither von den Gerichten jede denkbare Aussage oder auch nur Bezeichnung eingestuft, die nicht der Doktrin des Kremls entspricht. Dafür drohen bis zu 15 Jahre Lagerhaft.


Im Zuge des Verfahrens gegen Gorinow kritisierte seine Verteidigerin dieses drakonische und offensichtlich zensorische Gesetz, hielt die Richter an, dessen Verfassungsmäßigkeit zu hinterfragen. Es sei zur Unterdrückung von Kritik und Meinungsfreiheit eingeführt worden, was der Europäischen Menschenrechtskonvention zuwiderlaufe. Und Gorinow selbst warf ein, diese Rechtsnorm erlaube es nicht einmal zu wissen, für welche Aussagen man überhaupt geahndet werden könnte.


Später wird der Gesetzesartikel über »Kriegsfakes« den umgangssprachlichen Namen »Gorinowscher Artikel« erhalten, weil seine Verurteilung – angesichts der Härte des Urteils – zum Präzedenzfall wird. Dieses Urteil steht wohl schon vor der Verhandlung fest. Und natürlich folgt das Gericht nicht der Aufforderung von Gorinows Anwältin – während des Plädoyers der Verteidigung chattet die Richterin Olesia Mendeleewa an ihrem Handy. Von Putin höchstpersönlich als Richterin an ein Moskauer Gericht berufen, hat sie mehrere politische Fälle verhandelt, unter anderem auch den heute im Berliner Exil lebenden Starregisseur Kirill Serebrennikow verurteilt. Sie und fünf andere für Gorinows Fall zuständige Richter stehen inzwischen auf der Sanktionsliste der Europäischen Union und der USA.


Das ist ein erster Schritt auf dem Weg dazu, was Gorinow sich wünscht: früher oder später den Platz tauschen zu können mit denjenigen, die über ihn richten. »Sie sollten weitaus mehr Angst verspüren, als ich, wie mir scheint – zumindest insoweit diese Menschen psychisch normal sind.«


Trotzdem legt Gorinow vor Gericht auch ein Schuldeingeständnis ab, wenn auch gewiss nicht das von der Anklage gewünschte: »Ich möchte mich schuldig bekennen. Schuldig gegenüber dem vielgeplagten ukrainischen Volk. Gegenüber der Weltgemeinschaft. Schuldig dafür, dass ich als Bürger meines Landes nichts tun konnte, um den derzeit sich vollziehenden Wahnsinn irgendwie aufzuhalten. Ich spreche auch im Namen meiner Mitbürger, die durch Repressionen eingeschüchtert und zum Verstummen gebracht werden, von denen ich aber zahlreiche unterstützende Briefe erhalte.«


Das Gericht verurteilte ihn zu jahrelanger Folterhaft; in einem späteren Prozess wurde die Strafe nochmals verschärft und verlängert. Wie vor ihm schon Alexei Nawalny, verbüßt auch Gorinow einen beträchtlichen Teil seiner Strafe in Isolationshaft, in einer kalten, feuchten Einzelzelle. Die offiziellen Gründe dafür, dass er isoliert wird, sind fadenscheinig – etwa, dass er nicht am Morgensport teilnimmt, obwohl er davon ärztlich befreit ist.


In Wirklichkeit werden gerade Politgefangene regelmäßig in Isolationshaft gesteckt, die unbeugsamsten Dissidenten, um sie vollständig von der Welt zu isolieren und zu brechen, damit sie vergessen werden, damit sie – deren Stimmen gerade aus den Gefängnissen besonders bedeutsam klingen können – endlich verstummen, damit die Illusion gewahrt bleibt, dass es keinen Widerstand die Regierung gibt und alle mit dem Krieg einverstanden sind.


Tatsächlich schien Gorinow zeitweilig sogar vollkommen verschwunden, niemand konnte ihn ausfindig machen, selbst seine Anwälte wussten nicht, wo er sich befand, es gab keinerlei Kontakt zur Außenwelt. Diese Praktik, bei der Gefangene vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten werden, ist ebenfalls schon bei Nawalny wie auch bei anderen wichtigen politischen Häftlingen angewandt worden und ist unter dem grauenerregenden Begriff »gewaltsames Verschwinden« bekannt.


In angstvoller Ungewissheit bleiben in solchen Fällen auch die engsten Angehörigen. Zu Hause musste Gorinow seine Frau, seinen Sohn und seinen Hund zurücklassen. Letzterer wollte nach Gorinows Verhaftung kein Futter mehr annehmen und verstarb. Nun füttert Gorinow in seiner Zelle die Ratten. Mit abgefallenen Resten des Stucks schreibt und zeichnet er an die Wände, erinnert sich an mathematische Formeln, was seine Wärter offenbar besonders erzürnt. Und gegen sich selbst im Kopf Schach spielen will er, seinen eigenen Worten zufolge, nicht mehr – weil er den Gegner inzwischen zu gut kennt.


Zu Beginn seiner Haftzeit, außerhalb der Einzelzelle, versuchte Gorinow noch, seinen Leidensgenossen zu helfen, ihnen mit juristischem Rat beizustehen, Beschwerden für sie zu verfassen. Doch diejenigen, die sich an ihn wandten, wurden bestraft, ihm wiederum wurde jegliche Kommunikation untersagt.


Befragungen, Demütigungen, Dauerbeschallung mit Propaganda, Provokationen und Spitzelei durch Mithäftlinge sind an der Tagesordnung. Gorinow wird durch Schlafentzug gefoltert. Trotz Krankheit zwingen ihn die Aufseher, in der Kälte Schnee zu fegen. Medikamente werden ihm abgenommen. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide. Gorinow litt unter Tuberkulose; nach einer Operation behielt er kaum mehr als die Hälfte seiner Lunge. »Er erstickt«, sagten Angehörige, als ihm in der Haft jede medizinische Hilfe verweigert wurde. »Wir husten mehr miteinander, als dass wir reden.«


Auf diese Weise wird Gorinow der fortwährenden Zermürbung und einem Mord auf Raten ausgesetzt. Die Behörden haben ihn als suizidgefährdet eingestuft. Doch er widersetzt sich aus seiner Zelle: »Wenn mir etwas zustößt, dann ohne meinen Willen.« Er habe, sagt er bei anderer Gelegenheit, zu viele Aufgaben und Pläne für die Zeit nach seiner Haft und liebe das Leben zu sehr, um sich etwas anzutun.


»Ich bin bereit, Botschafter in der Ukraine zu werden, sobald die diplomatischen Beziehungen zwischen unseren Ländern wiederhergestellt sind. Ich möchte meinem Heimatland nützlich sein, wenn Freiheit, Demokratie und Menschenrechte zu dessen fundamentalen Werten geworden sind. Früher oder später werden bessere Zeiten in Russland eintreten. Ich bin davon überzeugt und habe in meinem Leben bereits gesehen, wie so etwas geschieht.«


Aus dem Gefängnis sendet Gorinow Zuspruch an die freien Regimegegner: »Ich schlage vor, nicht aufzugeben.«


Zugleich sieht Gorinow in der jetzigen Situation wenig Anlass zur Hoffnung. »In einem Land mit entwickelter Diktatur kann man nicht mehr offen protestieren und sich friedlich gegen die Willkür der Machthaber stellen. Ich weiß nicht, was konkret den Krieg beenden kann – oder welche Konstellation von Umständen. Aber in einem bin ich mir sicher: Putin und seine ›Falken‹ werden bis zum Ende gehen, sie werden noch zig- und hunderttausende Menschenleben opfern, nur um Territorien zu halten. Territorien, die von der ukrainischen Bevölkerung »befreit« wurden, von ihren Behausungen und sonstiger Infrastruktur, sowie vor allem von den ukrainischen Streitkräften. Für unsere Machthaber ist das ein Befreiungskrieg. In diesem Zustand des Krieges, der politischen und ökonomischen Isolation, in dem sich mein Land gerade befindet, kann es nicht optimistisch in die Zukunft blicken. Und was die Situation in Russland ändern, also was einen politischen Machtwechsel herbeiführen könnte, weiß ich nicht.«


Was also tun?, fragt sich Gorinow im Gefängnis, und antwortet: »Wir wollen wenigstens uns selbst treu bleiben, uns unsere Menschlichkeit bewahren. Wir wollen dem Bösen nicht Vorschub leisten und Kinder und Enkel zu anständigen Menschen erziehen.«


Gorinows Verbrechen, das ihm in Putins Regime Jahre der Folterhaft einbringt, ist das Verbrechen der Menschlichkeit. Sein Glaube an Werte und Begriffe, Begriffe wie Freiheit, Würde, Menschenrechte. Alles Begriffe, die in ihrer Bedeutung zunehmend zu erodieren scheinen. Krieg, Gewalt, Grausamkeit, ein aggressiver Kampf für die sogenannten »traditionellen Werte« bei gleichzeitiger Indifferenz gegenüber menschlichem Leben – all das verbreitet sich, nachdem es Russland eingenommen hat, über die gesamte Welt, sodass die Menschen den Gehalt von Wertbegriffen nicht mehr fassen können und wollen. Allein schon das Wort »Werte« erzeugt Gereiztheit und Langeweile.


Doch für diejenigen, die in autoritären Staaten, in Diktaturen Widerstand leisten, fühlen sie sich mehr als real an. Wo andere Formen des Widerstands unmöglich sind, verleiht moralischer Widerstand wie derjenige Gorinows den Werten aufs Neue Gewicht.  Gorinow ist ein Retter der Begriffe. Doch wer rettet den Retter?


Zu diesem Glauben an Begriffe gehört jedenfalls, dass Gorinow auch dem schrecklichsten Begriff, der in Russland heute verdrängt und entkernt ist, seinen Schrecken zurückgibt: »Der Krieg, wie man ihn auch nennen mag, ist das letzte, schmutzigste, verabscheuungswürdigste Geschäft, des Menschen unwürdig. Des Menschen, dem durch Universum und Evolution auferlegt ist, alles Lebendige auf unserem Planeten zu bewahren. Ich bin überzeugt: Der Krieg ist das schnellste Entmenschlichungsmittel.«



Als Anfang Dezember die politische Philosophin Seyla Benhabib in Bremen den renommierten Hannah-Arendt-Preis in Empfang nahm, wurde auch der russische Widerstandskämpfer Alexej Gorinow geehrt. Die beiden Autoren schrieben diesen Text als Mitglieder der Jury unter anderem mit Rückgriff auf Protokolle, die das russische Exilmedium Mediazona veröffentlicht hat.


Der Artikel erschien am 17.12.2025 in der Süddeutschen Zeitung.

 

    Interviews und Kontakt

    Für Interviewanfragen und das Vereinbaren von Hintergrundgesprächen mit unserer Vorsitzenden Irina Scherbakowa, unserer Geschäftsführerin Elena Zhemkova und mit weiteren Expertinnen und Experten stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Auf Anfrage stellen wir Ihnen Bild- und Bewegtbildmaterial bereit. Sie möchten in unseren Presseverteiler aufgenommen werden, oder haben konkrete Anfragen? Kontaktieren Sie uns: