29. August 2026Museum und Gedenkstätte Sachsenhausen
Rede von Elena Zhemkova, Zukunft Memorial e.V.
© Anika Schneider
Am 29. August hat Elena Zhemkova in der Gedenkstätte Sachsenhausen im Rahmen der Vorstellung des Projekt Doc.LAB eine Rede gehalten. Elena Zhemkova ist Geschäftsführerin von Zukunft MEMORIAL.
Memorial hat in Russland bis 2022 23 Jahre lang einen Schülergeschichtswettbewerb durchgeführt. Wir nannten ihn „Der Mensch in der Geschichte. Russland im 20. Jahrhundert“. Menschen und nicht Staaten sollten im Mittelpunkt stehen.
Alles begann 1999. An einer Zeitenwende. Es war schon klar, dass die Zeit von Präsident Boris Jelzin abgelaufen war. Aber wir wussten noch nicht, dass dann Putin kommen würde. Wir wussten noch gar nicht, wer Putin war. Und noch weniger konnten wir uns vorstellen, dass am Ende ein großer Krieg stehen würde und der Tod von Hundertausenden von Menschen.
Von Anfang an erhielten wir jedes Jahr zwischen 1.500 und 2.000 Arbeiten von Schülerinnen und Schülern aus ganz Russland. Wir veröffentlichten zahlreiche Sammelbände mit den besten Arbeiten. Auf russisch, aber auch in anderen Sprachen. Wir organisierten Treffen und Seminare für Lehrerinnen und Lehrer. Und für unsere Preisträgerinnen und Preisträger veranstalteten wir jedes Jahr eine einwöchige Schülerakademie In Moskau.
Schnell wurde unser Schülergeschichtswettbewerb der größte in Europa. Insgesamt haben wir in all den Jahren mehr als 40.000 Arbeiten erhalten. Dadurch verfügen wir heute über ein umfangreiches und einzigartiges Archiv. Die prämierten Arbeiten sind alle digitalisiert.
Aber das Wichtigste sind nicht die Zahlen.
Das Wichtigste ist und bleibt die Idee.
Wir wollten und wollen Jugendliche dazu bringen, Geschichte durch das Schicksal von konkreten Menschen zu betrachten. Wir wollten sie nicht politisch indoktrinieren. Wir haben ihnen gesagt: Findet einen Menschen und erzählt seine Geschichte.
Denn wenn man die Geschichte von Menschen ehrlich erzählt, öffnet sich durch sie der Blick auf die Geschichte einer ganzen Epoche, letztlich auf die Geschichte des gesamten 20. Jahrhunderts.
Wir hatten uns aber noch eine zweite wichtige Aufgabe gestellt: Wir wollten den Jugendlichen beibringen, selbstständig mit Quellen zu arbeiten: mit Familiendokumenten, mit persönlichen Geschichten, mit privaten Archiven, und auch mit staatlichen die sich damals allmählich zu öffnen begannen.
Sie sollten lernen, unterschiedliche Quellen miteinander zu vergleichen, Fragen zu stellen und kritisch zu denken.
Zwar hieß unser Wettbewerb „Der Mensch in der Geschichte. Russland im 20. Jahrhundert“. Aber wir haben uns nie auf die Geschichte nur eines einzigen Landes beschränkt. Wir verstehen uns als Teil eines gemeinsamen europäischen Raums. Eines Raums der Demokratie und eines freien, ehrlichen Blicks auf die Geschichte. Der Austausch mit unseren europäischen Kolleginnen und Kollegen war für uns von Anfang an sehr wichtig.
Heute kann man sich das fast nicht mehr vorstellen, aber 2012 haben wir eine gemeinsame russisch-polnische Schülerakademie organisiert. Polnische und russische Jugendliche fuhren damals gemeinsam nach Mednoje, an den Ort eines Massengrabs von polnischen Offizieren, die 1940 von sowjetischen Schergen ermordet wurden. Heute ist dieses Verbrechen als „Massaker von Katyn“ bekannt. Gemeinsam haben die junden Menschen versucht zu verstehen, was geschehen war. Gemeinsam sprachen sie über die Vergangenheit. Genau das bedeutet für uns ein freier und unvoreingenommener Umgang mit Geschichte. Es geht immer um einzelne Menschen und ihre Schicksale.
Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass unser Wettbewerb bereits Mitte der 2000er-Jahre begann, den russischen Behörden Angst zu machen. Mitarbeiter des FSB suchten Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern der Teilnehmenden zu Hause auf. Der Druck nahm stetig zu. Es kam bei den Preisverleihungen In Moskau zu Übergriffen, auch körperlichen, auf Lehrkräfte und Jugendliche. Die Polizei stand dabei und schaute weg. Aber die jungen Menschen machten weiter. Allmählich wurde schon die Teilnahme am Wettbewerb zu einer Form des Widerstands. Zu einer Form des Widerspruchs gegen das, was in Russland geschah.
Beim Prozess gegen Memorial im Dezember 2021 betonte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer ausdrücklich: Memorial versuche, junge Menschen zu beeinflussen und bei ihnen ein (aus seiner und des Staates Sicht) „falsches“ Bild der Vergangenheit zu erzeugen. Das Gericht erklärte Memorial für aufgelöst. Aber selbst danach erhielten wir bis in das Jahr 2022 hinein weiterhin Arbeiten für den Wettbewerb.
Was sollten wir also tun?
Für uns war die Antwort klar: weitermachen. Aber unter völlig anderen Bedingungen. Viele von uns mussten Russland verlassen und leben nun im Exil. Heute arbeiten wir von Berlin aus, von Prag, von Warschau, von Vilnius oder Paris. Verstreut über ganz Europa. Der Raum, in dem wir arbeiten, hat sich also verändert. Die Lebensumstände unserer Teilnehmenden haben sich verändert. Und auch die Formen unserer Arbeit haben sich verändert.
Aber unsere Aufgabe ist dieselbe geblieben: Im Mittelpunkt steht nach wie vor der Mensch in der Geschichte. Es geht nach wie vor darum, wie Menschen historische Erfahrungen erleben. Wie sie sie verarbeiten und zu verstehen versuchen. Wie sie versuchen, sie zu überwinden. Und nach wie vor ist die Arbeit mit Lehrerinnen und Lehrern für uns sehr wichtig.
Heute ist vieles schwieriger geworden. Am Wettbewerb dieses Jahres haben Jugendliche aus 18 Ländern teilgenommen. Sie leben auf verschiedenen Kontinenten und in unterschiedlichen Zeitzonen. Um sie herum werden andere Sprachen als Russisch gesprochen. Sie leben in neuen Umgebungen mit anderen Geschichten. Aber unser wichtigstes Prinzip ist dasselbe geblieben: Die große Geschichte durch die Schicksale von konkreten Menschen zu verstehen.
Verändert haben sich dagegen die Formen unserer Arbeit. Heute gibt es nicht mehr nur Forschungsarbeiten, sondern auch Theaterprojekte, Podcasts und Blogs.
Damit kommt eine weitere Aufgabe auf uns zu, die mir besonders wichtig erscheint:
die Verbindung zwischen den Generationen.
Der Krieg hat diese Verbindung physisch zerrissen. Familien leben in verschiedenen Ländern. Kinder und Enkel sind weit entfernt von ihren Eltern und Großeltern. Zoom kann keine herzliche Umarmung ersetzen, den Kuchen der Großmutter oder das Angeln mit dem Großvater.
Aber wir können helfen, diese Verbindung zu bewahren. Wir können Jugendlichen beibringen, Fragen zu stellen. Zu reden. Zuzuhören. Ihre Eltern und Großeltern zu fragen: Was ist euch passiert? Was habt ihr gesehen? Was habt ihr gefühlt? Warum habt ihr so gehandelt? Und durch diese Gespräche nicht nur die Geschichte der eigenen Familie kennenzulernen, sondern auch die Geschichte einer ganzen Zeit.
Es gibt noch ein weiteres Problem, das heute besonders akut geworden ist: die Frage der Identität.
Jugendliche lebt plötzlich im Exil. Um sie herum wird eine andere Sprache gesprochen, leben andere Menschen, sie gehen in eine andere Schule. Sie müssen sich anpassen und Teil einer neuen Umgebung werden. Da ist es sehr leicht, die eigene Vergangenheit zu verdrängen – einfach, weil es so leichter ist.
Aber die Verdrängung der Vergangenheit und der Verlust der eigenen Identität bleiben nicht ohne Folgen. Deshalb versuchen wir heute mit unserer Arbeit in Europa Jugendlichen dabei zu helfen, die Verbindung zu ihrer eigenen Familiengeschichte zu bewahren und gleichzeitig ihren Platz in einem neuen europäischen Raum zu finden.
Und damit kehren wir wieder zu dem zurück, womit wir vor mehr als zwanzig Jahren begonnen haben: zum Menschen in der Geschichte. Nur erforschen unsere Jugendlichen heute nicht mehr einfach die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie selbst sind Teil einer großen und tragischen Geschichte geworden.
Unsere Aufgabe ist es, ihnen zu helfen, diese Geschichte zu verstehen, ohne dabei die Verbindung zur eigenen Familie zu verlieren. Ohne die Fähigkeit zu verlieren, selbstständig zu denken, Fragen zu stellen und anderen zuzuhören.
Interviews und Kontakt
Für Interviewanfragen und das Vereinbaren von Hintergrundgesprächen mit unserer Vorsitzenden Irina Scherbakowa, unserer Geschäftsführerin Elena Zhemkova und mit weiteren Expertinnen und Experten stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Auf Anfrage stellen wir Ihnen Bild- und Bewegtbildmaterial bereit. Sie möchten in unseren Presseverteiler aufgenommen werden, oder haben konkrete Anfragen? Kontaktieren Sie uns:
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