Schreibmaschine„Underwood Standard“
Neues Museumsstück: Schreibmaschine „Underwood Standard“
(c) Hannah Wilson / Zukunft MEMORIAL
Unser MEMORIAL Museum hat ein neues Ausstellungsobjekt erhalten: eine Schreibmaschine der amerikanischen Underwood Typewriter Company mit russischer Tastatur. Hergestellt wurde sie in den USA wohl Mitte der 1920er Jahre. Zumindest stammt der jüngste Eintrag der Patentdaten auf der Rückseite des Metallrahmens vom August 1923.
In den 1920er Jahren verfügte die noch junge Sowjetunion über keine eigene Produktion von Schreibmaschinen. Weil die Staatsbürokratie aber dringend auf sie angewiesen war, wurden über sowjetische Handelsvertretungen im Ausland gekauft. Schreibmaschinen der Marke Underwood waren seinerzeit mit Abstand am weitesten verbreitet, so sehr, dass „Underwood“ in der Sowjetunion zeitweise zum Gattungsbegriff für eine Schreibmaschine wurde.
(c) Hannah Wilson / Zukunft MEMORIAL
(c) Hannah Wilson / Zukunft MEMORIAL
Unser Exemplar ist eine Underwood Model 3 mit einem besonders breiten Wagen (in diesem Fall 20 Zoll), der das Beschreiben großformatiger Papierbögen ermöglicht. Mit einem Gewicht von über 20 Kilogramm und ihren imposanten Abmessungen ist sie allerdings alles andere als mobil. Sie benötigte einen festen Arbeitsplatz.
Über 70 Jahre lang stand unsere Schreibmaschine im Dienst einer kriminalpolizeilichen Ermittlungsabteilung in Leningrad. Auf ihr wurden also Anordnungen zur Einleitung von Strafverfahren, Durchsuchungsbeschlüsse, Verhörprotokolle und Zeugenaussagen geschrieben. Zumindest in den ersten drei Jahrzehnten ihres Einsatzes, also bis zum Tod Stalins 1953, wurden sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch zur politischen Verfolgung in den zahlreichen „Kampagnen“ und „Säuberungen“ eingesetzt.
(c) Hannah Wilson / Zukunft MEMORIAL
Anfang der 1990er Jahre verstaubte die Schreibmaschine bereits ausgemustert in einer polizeilichen Ermittlungsabteilung im wieder von Leningrad zurückbenannten St. Petersburg. Zu jener Zeit förderte der neue, russischen Staat den fachlichen Austausch seiner Behörden mit dem Ausland. Während eines Besuchs von ausländischen Kolleginnen und Kollegen entdeckte ein Gast die „Underwood Standard“ und schlug dem Abteilungsleiter vor, sie gegen einen fabrikneuen Computer auszutauschen, damals etwas ganz neues für russische Behörden. Der Tausch kam zustande und die Schreibmaschine trat ihre zweite Reise an, diesmal in Richtung Westen.
Diese Reise blieb jedoch nicht folgenlos: Für den Transport wurde die Maschine in zwei Teile zerlegt. Nach dem Wiederzusammenbau war sie nicht mehr funktionsfähig und wurde zu einem Museumsstück.
Zum Schluss möchten wir uns mit einer Bitte an alle Freundinnen und Freunde von Memorial wenden: Falls Sie wissen, wie sich unsere „Underwood Standard“ Schreibmaschine wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzen lässt, freuen wir uns sehr über Ihre Unterstützung.
(c) Hannah Wilson / Zukunft MEMORIAL
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